Unser ureigenes Plastikproblem

Gastbeitrag im Tages-Anzeiger von Bastien Girod über eine missverstandene Gefahr für die Umwelt.

In unserem Land mangelt es nicht an Abfallkübeln, jedes Kind wird in Sachen Abfalltrennung unterrichtet, und wir haben Millionen investiert in eine hoch entwickelte Entsorgungsinfrastruktur. Von der Plastikverschmutzung der Meere haben wir zwar gehört, aber unsere Seen sind kristallklar. Doch der Schein trügt. Auch wir haben ein Plastikproblem. Und: Ökobilanzen helfen hier nicht weiter.

In der Schweiz findet man laut einer Untersuchung auf fast jedem Quadratmeter entlang unserer Gewässer ein Stück Plastik. Plastik verdreckt das Grüngut, unsere Kompostieranlagen müssen immer mehr Aufwand treiben, um das unerwünschte Material auszusortieren. Sogar in Naturschutzgebieten ist der Boden mit Plastik verschmutzt. Die Plastikverschmutzung ist real, auch in der Schweiz. Die schiere Anzahl an kurzlebigen Plastik produkten, die in Umlauf kommen, sprengt die Möglichkeiten der besten Abfallentsorgung. Apéro-Gäbeli, Lollistängeli, Röhrli, Wattestäbchen werden millionenfach verbraucht.

Wenn nur ein Prozent davon falsch entsorgt wird – die Fachleute sprechen vom «Plastikleck» – verbreiten wir schon Zehntausende von Plastikteilchen in der Umwelt. Dieses verbleibende Prozent geht uns einfach durch die Lappen. Deshalb müssen wir an der Quelle ansetzen, sei es durch Verzicht auf bestimmte kurzlebige Plastikprodukte oder deren Ersatz mit Varianten aus Karton, Holz oder anderen abbaubaren Materialien. Der Bundesrat könnte das schon heute tun: Gemäss Umweltschutzgesetz kann er das Inverkehrbringen von Produkten verbieten, die für eine einmalige und kurzfristige Verwendung bestimmt sind, wenn deren Nutzen die durch sie verursachte Umweltbelastung nicht rechtfertigt». Die Rechtsgrundlage ist da.

Wieso hat er das Problem nicht schon längst angegangen? Ein Grund liegt in die Methode der Okobilanzierung. Ökobilanzen sind ein hilfreicher Kompass der Umweltpolitik. Doch bei der Plastikverschmutzung versagt dieser Kompass. Die Ökobilanz geht von einer
korrekten Entsorgung aus, und ignoriert das 1-Prozent-Plastikleck. Zudem werden die
Schäden durch Plastikabfall nicht abgebildet. Plastikteilchen bleiben jahrzehntelang in der Umwelt, töten Tiere, zerfallen in Kleinstteilchen, reichern sich mit Giften an und landen wieder in der Nahrungskette – aber sie verursachen keine zusätzliche CO2-Belastung und sind nur indirekt  toxiscl. Desnalb sind Okobilanzen blind für die Plastikverschmutzung, und es muss hier erst noch ein neuer Kompass entwickelt werden.

Plastikersatz reicht nicht

Kann die Wirtschaft das Problem nicht selber lösen? Der Wettbewerb um Nachhaltigkeit basiert auf dem Prinzip «Tue Gutes und sprich darüber»

Man muss ja den Konsumenten überzeugen, einen Mehrpreis für ökologischere Produkte zu  bezahlen. Doch genau dieses Prinzip funktioniert hier nicht. Das Herausstreichen der Umweltfreundlichkeit kann sogar kontraproduktiv sein.
Nehmen wir Plastikbesteck: Wenn bei der Umstellung auf Besteck aus abbaubaren
Kunststoffe kommuniziert wird, diese seien umweltfreundlich und biologisch abbaubar,
dann werden garantiert mehr Leute dieses  Besteck liegen lassen oder mit dem Grüngut
entsorgen. Doch auch abbaubares Besteck stört in der Natur, selbst wenn deren Zerfall nur Monate und nicht Jahrzehnte braucht.

Ausserdem wird dann noch mehr normales, nicht abbaubares Besteck falsch entsorgt oder liegen gelassen, in der irrigen Annahme, es handle sich um die abbaubare Variante. Die Umstellung auf weniger problematisches Material ist also dringend notwendig, aber sie muss im Stillen erfolgen. Das Motto muss hier lauten: «Tue Gutes, aber schweig darüber.»

Bastien Girod

Ein Gedanke zu „Unser ureigenes Plastikproblem“

  1. Danke für den guten Artikel. Und was kann man nun tun? Was würde passieren, wenn die Grossverteiler ein hohes Depot für Plastikverpackungen verlangen (müssten)? Beispiel Plastikbecher an Festivals mit 2.- Depot = Riesige Rücklaufquote.

    Ich glaube, dass so ein Verpackungs-Depot, gekoppelt an Kundenkarte (wer hat was gekauf, nicht dass „fremder“ Plastik zurückgebracht werden kann) und Identifikation zum ursp. Produkt via Barcode, der sowieso schon auf den meisten Verpackungen ist, durchaus mit überschaubarem Aufwand realisierbar wäre.

    An der Idee könnte man weiterspinnen und wenn sich daraus etwas ergibt, einen Vorstoss lancieren. Das wäre doch auch ein Thema für z.B. das GLP-Thinklab (jedenfalls aus meiner Sicht gewichtiger als Themen wie Dorfleben fördern & Co .-).

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