Warum es uns gelingt, den Klimawandel zu verdrängen

Was bewirken Fakten wirklich?

Im Nachgang zum Artikel „Facts?“ verwende ich Überlegungen aus einem GEO-Artikel von 2007. Darin wird aufgezeigt, dass es in einer mit Informationen überfütterten Gesellschaft der Normalzustand ist, bestimmte Wahrnehmungsebenen zu leugnen. Der amerikanische Soziologe Stanley Cohen sagt dazu:

„Um ein Problem verdrängen zu können, ist es nötig, seine Existenz und seine moralischen Verwicklungen bis zu einem gewissen Grad anzuerkennen.“

Dies geschieht vor allem dann, wenn das Problem:

  • Unsichtbar ist
  • In der Zukunft liegt
  • Komplexe, langfristige und unklare Folgen hat

Dann greifen die von unserer Rasse in hunderttausenden von Jahren entwickelten Strategien nicht mehr. Wir brauchen unmittelbare Gefahren, klare Gegner, sichtbare Ursachen. Und wir brauchen Emotionen.

Warum hilft Wissen nicht?

Der Klimawandel ist nicht das erste Gebiet, in welchem „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Zwar können wir die Bedrohung intellektuell akzeptieren, aber nicht die Verantwortung für einen Umbruch dieses Ausmasses. Wir weigern uns zu erkennen, dass es eine moralischen Dimension mit identifizierbaren Tätern und Opfern gibt. Nur schon die Wortwahl „Globale Erwärmung“ oder „Anpassung, Wandel“ deutet ja eher auf unveränderbare Naturkräfte als auf eine direkte Beziehung zu Verursachern und moralische Folgen für sie.

Zudem verwischen wir unsere Verantwortung. Der vorab erwähnte Cohen spricht vom „passiven Zuschauereffekt“. Gewaltverbrechen können auf einer belebten Strasse verübt werden, ohne dass jemand eingreift.

„Die Menschen in der Menge sehen das Problem durchaus, überzeugen sich aber selbst, dass die Verantwortung zum Handeln bei anderen liegt.“

Dabei scheint es umso schwieriger zu sein, als Einzelner aktiv zu werden, je grösser die Zahl der Herumstehenden ist. Im Fall des Klimawandels kommt ein weiteres Hindernis dazu: Wir sind gleichzeitig Täter und Zuschauer. Beispiele für solche Dilemmas finden sich viele. In Südafrika waren viele Weisse gegen das Apartheidsystem eingestellt und bildeten eine passive Opposition. Sie zogen sich ins Private zurück, hörten möglichst selten Nachrichten, sprachen mit Freunden nicht über Politik und widmeten sich intensiv ihren Hobbies.

Nach all dem scheint klar zu sein: Dem Verdrängen ist nicht einfach mit mehr Information beizukommen. Einige Umweltschutzorganisationen beginnen dies mittlerweile zu verstehen. Auch wir tappen noch häufig in die Falle von:

„Wenn die Menschen nur mehr wüssten, dann würden sie auch handeln.“

Das ist falsch. Umfragen offenbaren einen hohen Wissensgrad, der mit so gut wie keiner Verhaltensänderung gekoppelt ist. Wir sind einerseits betroffen (gar besorgt), stellen andererseits aber die Klimaanlage höher und fliegen zum X-Mas-Shopping nach New York.

Weg aus dem Dilemma

Das Problem, das vor uns steht, ist nicht in erster Linie ökonomisch, politisch oder technologisch. Wiederholt haben Studien gezeigt, dass mit den heutigen technischen Mittel es durchaus möglich ist, den Klimawandel aufzuhalten. Zu überschaubaren Kosten. Das Problem ist und bleibt die kollektive Willensbildung. Und die Umsetzung des Wissens ins Tun. Wie kommen wir aus diesem Dilemma?

Durch Emotionen! Soziale und politische Änderungen werden nicht dadurch erreicht, dass man Menschen erzählt, sie sollen Dinge aufgeben. Aber Menschen sind bereit, Veränderungen zu tragen, Opfer zu bringen, wenn sie sich einer Gemeinschaft mit einer positiven Vision zugehörig fühlen. Wir brauchen neue soziale Bewegungen, die solche Visionen unterstützen.

Lasst uns eine solche Gemeinschaft sein! Zusammen können wir einen Stein ins Rollen bringen, der einen Unterschied machen wird.

Gruss,
Roger

Autor: Roger Schuhmacher

Umweltschützer, Fan von neuen Wegen und gemeinsam erreichten Zielen

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