Ein bissiger Artikel zu CRISPR/cas9

Ist CRISPR/Cas9 eine Methode für die Züchtung von Pflanzen, die der biologische Pflanzenbau nutzen sollte?

Nein.

Warum sollte sie? Die Pflanzen wachsen ja bereits auf den Feldern. Aus einem Labor heraus ist es manchmal schwer zu sehen, aber draussen auf den Feldern wächst im Moment unsere Nahrung – und dass schon seit mehr als 10’000 Jahren!

Doch die neue Methode verspricht eine effiziente und beschleunigte Pflanzenzüchtung. Neue Sorten brauchen statt 10-20 Jahre nur noch 1-2 Jahre für ihre Entwicklung. Das Wunschziel sind robuste Nutzpflanzen, die ohne Pestizide auskommen und Höchsterträge abwerfen. Ausserdem ist CRISPR günstig und einfach. Dadurch soll das Manipulieren von Genen demokratischer werden, weil die Technik nicht nur in den Händen der grossen Züchtungsfirmen liegt.
Kleine Forschungsgruppen sind eher bereit in weniger wirtschaftliche Nutzpflanzen zu investieren, wie z.B. Hirse in Westafrika. Bisher beschränkten sich die genetisch veränderten Organismen vor allem auf die 5 wichtigsten „Cash Crops“: Mais, Reis, Weizen, Soja und Baumwolle.

Diese Versprechungen sind verlockend – auch für den Bio-Landbau. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FIBL) befürchtet, dass die konventionelle Landwirtschaft bald ohne Gift auskommen könnte, während Bio-Bauern immer noch Kupfer spritzen. Darum befürwortet er eine kontrollierte Verwendung der neuen Methode, auch mit dem Argument, dass CRISPR nur Mutationen hervorbringt, die auch von der Pflanze selbst hätte gemacht werden können.

Während die konventionelle Genmanipulation artfremde DNA in die Ziel-DNA einpflanzt, bedient sich die CRISPR/cas9 Methode lediglich an der vorhandenen DNA, in dem aktive Gene ausgeschaltet oder neue DNA in die gleiche Pflanze eingeschleust werden. Darum ist eine CRISPR-Mutation anschliessend nicht mehr im Organismus nachweisbar, was eine strenge Kontrolle erschwert.

Doch auch wenn CRISPR günstig, demokratisch und nicht nachweisbar ist, entspringt die Idee einem Forscherdrang, der nicht den Grundsätzen der biologischen Landwirtschaft entspricht. Es ist ja schon schlimm genug, dass die biologische Landwirtschaft Monokulturen anlegt, schwere Maschinen einsetzt, F1-Hybride erlaubt, einjährige Legehühnerbetriebe unterstützt, künstliche Befruchtung einsetzt, Antibiotika verwendet und Massenschlachthöfe erlaubt. Wo bleibt nach der Erlaubnis von CRISPR noch die Glaubwürdigkeit?

BIO steht dafür, Kreisläufe zu schliessen und Prozesse möglichst naturgetreu zu gestalten. Das Label soll ein Zeichen setzen gegen die Industrialisierung der Bauernhöfe, die keine Fabriken mit Fliessband sind. Die Landwirtschaft arbeitet mit Lebewesen, und die können nicht einfach zu den Vorstellungen der Menschen hin manipuliert werden.
Die Menschen vermögen es nicht, die Komplexität von Leben zu verstehen. Sie durchschauen bei Weitem nicht alle Abläufe in der Natur und wie sie zusammenhängen. Wenn sie Pflanzen monogenetisch auf einige wenige Eigenschaften hinzüchtet, die bald überholt werden, befindet sich die Wissenschaft in einer gedanklichen Monokultur.

Die Biozüchtung strebt Qualitätsparameter an, die in der konventionellen Züchtung längst keine Rolle mehr spielen und arbeitet im Idealfall mit den klimatischen Bedingungen eines Betriebs oder zumindest einer Region zusammen. Dies ist eine öffentliche Aufgabe – eine Aufgabe, die seit Tausenden von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Unsere Vielfalt von heute verdanken wir unseren Vorfahren. Und diese Vielfalt droht unter der Einfältigkeit kurzsichtigen Forscherwahns zu verschwinden. Effizienz und Ertragssteigerung dürfen im biologischen Landbau keinen Platz erhalten.

Laborpflanzen gehören ins Labor und haben draussen in der freien Natur nichts zu suchen. Es ist verständlich, dass die Erschaffung von neuen Pflanzen interessant ist. Schöpfer zu spielen macht Spass! Aber dann sollten die ForscherInnen ihre Forschung als Hobby betrachten und das Manipulieren in ihrer Freizeit machen. Und dann könnten sie ihre Forschungsgelder dafür verwenden, den Welthunger wirklich zu bekämpfen, ohne gleichzeitig der Natur den Krieg zu erklären. Denn es gibt eine Natur ausserhalb des Reagenzglases, und die ist nett, wenn man sie einmal kennenlernt.

Ein Gedanke zu „Ein bissiger Artikel zu CRISPR/cas9“

  1. Wer mehr dazu wissen will, bitte kommentieren. Wer mehr darüber diskutieren möchte: Am 14. November 2017, um 19 Uhr in der Rotenbirben Stiftung in Bonstetten (Rütistrasse 5) gibt es eine Diskussion zum Thema: „Wie ernähren wir die Welt, ohne sie gleichzeitig zu zerstören?“
    Liebe Grüsse, Jeremy Notz

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